Der "Weißenweggeist"

Als kürzeste Verbindung von Brunnadern und Bonndorf war der "Weißenweg" einst der übliche Fußweg. Dort treibt die Seele eines Wilddiebes und Mörders ihr Unwesen; eine im nahen Sumpf gefundene Leiche belastet das Gewissen des Unseligen. Des Nachts, vor allem in Neumondnächten, lässt der Geist nicht jeden unbehelligt durch. Bald schreckt er durch klagende Schreie, bald irrlichtert er im Gehölz. Und wehe, einer folgt dem Lichtschein und verlässt den rechten Weg! Manchen springt er in menschenähnlicher Gestalt auf die Schultern und lässt sich ein Stück weit tragen. Am "Weißenwegkreuz" verschwindet der Spuk meist wieder spurlos. Einem Bonndorfer Sattler, welcher in Brunnadern Verwandte besucht hatte und erst nach Einbruch der Dunkelheit heimkehrte, erschien er allerdings erst beim Kreuz und hetzte den Flüchtenden bis ins Gewann "Gündlingen" hinab. Der Mann war hinterher so verstört, dass er diesen Weg zeitlebens nie mehr benutzte.

Der Geist im "Weißenweg"

Einmal, so erzählt man sich, versuchte ein Förster, den Geist zu beschwören. Und das kam so: Bei einer abendlichen Gesprächsrunde im Dorfgasthaus wurde über den "Weißenweggeist" gesprochen. Das hörte ein junger Jäger und Förster. Er war neu in der Gegend, hatte sich verspätet und wollte daher über Nacht bleiben. Der lachte und bot an, um Mitternacht hinauszugehen, er werde dem "Hirngespinst mit der Flinte heimleuchten". Beim "Weißenweg" stand damals eine alte Eiche. Dort rief der Förster nach dem Geist. Zu seinem Entsetzen erschien wirklich eine schwarze Gestalt. In seiner Angst versprach der Mann, den Ruhelosen zu erlösen, der ein ungetauftes Kind forderte. Zur Besiegelung reichte er dem Bösen aber nicht die Hand sondern den Gewehrschaft hin, in welchen sich der Abdruck tief einbrannte. Als junger, blühender Mensch, heißt es, sei er fortgegangen, gezeichnet und ergraut sei er zurückgekehrt.
In der Folgezeit wurde der verstörte Förster immer unsteter und ungeselliger. Schließlich versprach er einer ledigen Magd, welche von einem Knecht ein unerwünschtes Kind erwartete, die Heirat, wenn sie ihm das Neugeborene überlasse. Sie willigte ein, bekam aber Bedenken und beichtete es dem Dillendorfer Seelsorger. Der versprach zu helfen.

In einer stürmischen Neumondnacht holte der Förster das Kleine, und der Pfarrer folgte dem Burschen bis zur Eiche, im letzten Augenblick verhinderte er die Übergabe. Dabei zerbrach im Wettersturm die Eiche und begrub den Förster unter sich. Der Geistliche konnte der Mutter das Kind unversehrt zurückbringen; er redete den jungen Eltern ins Gewissen, so dass sie heirateten und für ihr Kind sorgten. Am "Weißenweg" wurde ein Kreuz aufgestellt, zum Schutz und zur Mahnung. Aber viele scheuten den Weg und wählten zumal bei Dämmerung oder des Nachts lieber eine andere Verbindung.

(nach Gottfried Eichkorn, Brunnadern;  Richard Preißer, Brunnadern)

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