Der Geburtstagsschinken

Im Ehrenbachtal, an der heutigen B 315, oberhalb der "Dillendorfer Säge", stand früher ein Bretterschuppen: die "Schwarze Hütte". Etwa dort überquerte die Gemarkungsgrenze zwischen Dillendorf und Brunnadern die Straße, auch das Unterwangener Gebiet beginnt da.
An diesem Platz pflegten die Landfahrer ihre Karren abzustellen und ihre Pferde zu tränken. Das war recht günstig für sie, weil sie am folgenden Tag mit ihren Wagen nur wenige Meter weiterfahren mussten, um auf das Gebiet des Nachbardorfes zu gelangen. Und dies war nötig, weil es ihnen durch Gesetz verboten war, länger als einen Tag auf einer Gemarkung zu bleiben.

Es mögen jetzt etwas über hundert Jahre her sein, als wieder einmal ein Trupp dort lagerte und Frauen und Kinder den "Schwaninger Weg" herauf nach Brunnadern kamen, um zu betteln und ihre Schirmflicker- und Hausiererdienste anzubieten. Eine der Zigeunerfrauen war hochschwanger, dennoch hatte sie den mühsamen Weg ins Dorf auf sich nehmen müssen. Die Geburt musste wohl bald bevorstehen, die Mutter sagte dies auch und bat um Kinderkleidung. Am Abend nun war Gemeinderatsitzung, das Gespräch kam auf die Landfahrergruppe, und man befürchtete, dass die Gemeinde für das Neugeborene aufkommen müsse, wenn es auf Brunnaderner Gebiet auf die Welt käme und in die dortigen Standesbücher eingetragen würde. Denn es war damals die Regel, dass die Gemeinden für die Ortsarmen sorgen mussten.

Der Geburtstagsschinken

Dem wollte man zuvorkommen. Man beschloss, dass der Bürgermeister und ein Gemeinderat die Zigeunergruppe aufsuchen sollten, sie zu überreden, den Wagen doch schon am späten Abend auf die Nachbargemarkung zu schaffen. Also machten sich zwei Männer auf, packten einen großen Schinken und einen Brotlaib ein und wanderten zur "Schwarzen Hütte" hinab.
Dort boten sie dem Anführer der Sippe Brot und Schinken als Bestechungs- und Geburtstagsessen an. Dieser ging auf den Handel ein. Die schwarzen Männer schoben ihre Wagen ein kleines Stück weiter auf Dillendorfer Gebiet. Das Kind wurde auch wirklich noch in jener Nacht geboren, anderntags beim Dillendorfer Pfarrer gemeldet und getauft und dann mit einem Schinken-Festmahl gefeiert.

Nachtrag! Einige sagen allerdings, die Sache wäre ganz anders verlaufen: Die Gemeinderäte hätten den Karren, in welchem die Fremden schliefen, kurzerhand verriegelt und auf die Dillendorfer Seite gerollt. Und den Schinken habe der Pfarrer den armen Leuten für eine kleine Tauffeier überreicht. Aber diese Darstellung sollen verärgerte Dillendorfer in Umlauf gebracht haben, als die Geschichte ruchbar wurde.

(nach Gottfried Eichkorn, Brunnadern)

zurück